Titanic (1943)
Die deutsche Verfilmung des Untergangs des wohl berühmtesten Ozeandampfers der Welt ist inhaltlich und formal betrachtet zunächst einmal nichts anderes als ein Katastrophenfilm. Ein Blick auf das Produktionsjahr zeigt uns jedoch, dass dies im Grunde nur die halbe Wahrheit sein kann. Ein deutscher Film aus dem Jahre 1943 muss immer auch im Hinblick auf seine propagandistischen Tendenzen betrachtet werden, und in vorliegendem Fall braucht man nach diesen auch wahrlich nicht lange zu suchen: Nur allzu deutlich zielt "Titanic" darauf ab, den Kriegsgegner Großbritannien als von Gewinnsucht und Plutokratie beherrschtes System darzustellen.
Das Gewinnstreben schwebt hier schon von Anfang an als dunkle Wolke über der Jungfernfahrt des Schiffes: Die Aktien der White-Star-Line befinden sich auf Talfahrt. Das bringt Bruce Ismay, den Präsidenten der Reederei, auf einen kühnen Plan. Er will den Kurs der Wertpapiere zunächst weiter fallen lassen, um sie auf diese Weise billig aufkaufen zu können. Dann will er den Aktienpreis wieder in die Höhe treiben: Die Titanic soll den Weltrekord für die schnellste Atlantiküberquerung brechen und so einen Sturm auf die Papiere des Unternehmens auslösen.
Die Titanic erscheint bereits in dieser Exposition als reines Spekulationsobjekt. Es zählt nur der Gewinn. Die Menschen, die für die Überfahrt ihr Leben gleichsam in die Hände der Reederei legen, zählen nichts. Kapitän und Offiziere lassen sich von diesem System beherrschen. Es gibt nur einen, für den die Sicherheit der Passagiere an erster Stelle kommt und der versucht, die kapitalistischen Hierarchien zu brechen: der erste Offizier Petersen, bezeichnenderweise ein Deutscher.
Der Wahrheitsgehalt dieser Darstellung tendiert gegen Null: Der White-Star-Line ging es bis zum Untergang der Titanic finanziell gut, einen deutschen Offizier an Bord des Schiffes hat es nie gegeben. In mancher Hinsicht hat sich jedoch die in ihr enthaltene Propaganda als recht erfolgreich und überraschend nachhaltig erwiesen. Die Rede ist von dem angeblichen Versuch, das Blaue Band zu erringen: Diese Geschichte wird immer wieder kolportiert, dabei ist sie in Wahrheit zu wesentlichen Teilen auf den hier besprochenen Film zurückzuführen. Der damalige Rekordhalter, die Mauretania, war nicht nur wesentlich stärker motorisiert als die Titanic, sondern auch erheblich leichter. Kein halbwegs realistisch denkender Mensch hätte jemals auf die Idee kommen können, mit der Titanic einen ernsthaften Angriff auf den bestehenden Rekord zu unternehmen. Als Motiv in einem Film mit den oben beschriebenen Tendenzen wirkt die Zeichnung einer solchen Hybris auf Seiten der Diffamierten hingegen durchaus effektiv.
Es wäre jedoch ungerecht, den Film hier einzig und allein als Propagandafilm zu besprechen. Er ist, wie oben schon gesagt, aus einem anderen Blickwinkel betrachtet auch einfach ein Katastrophenfilm, und auf dieser Ebene hat er durchaus seine Qualitäten. Der Weg hin in die Katastrophe ist spannend erzählt und der Untergang selbst wirkt auch aus heutiger Sicht - wenn man nicht allzu sehr durch die moderne Tricktechnik geprägt ist - reichlich düster und bedrohlich.
Der Produktionsaufwand ist für die damalige Zeit - immerhin befand man sich mitten im Krieg - erstaunlich hoch. Um die Titanic auf Fahrt zu zeigen, wurde ein Modell angefertigt, das an den Maßstäben der Cameron-Verfilmung gemessen zwar lächerlich klein ist, im fertigen Film aber durch geschickte Kameraeinstellungen doch groß genug für eine annehmbare Illusion daherkommt. Daneben wurden maßstäblich größere Modelle diverser Interieurs benutzt, die sich gemessen an den Standards der Zeit recht effektvoll fluten ließen. Die Außenaufnahmen wurden auf der Cap Arcona gedreht (das Schiff erlangte nur zwei Jahre später traurige Berühmtheit, als es umgebaut zum schwimmenden KZ mit mehreren Tausend Häftlingen an Bord unter heute immer noch nicht restlos geklärten Umständen nach dem Angriff einer britischen Fliegerstaffel kenterte und den Großteil seiner Insassen in den Tod riss). Die Kombination dieser drei Techniken liefert insgesamt eine hinreichend stimmige Atmosphäre.
Einige Schwächen gibt es hingegen im Hinblick auf die Dramaturgie zu beklagen: Die Handlung beleuchtet die Schicksale einer relative hohen Anzahl von Personen und scheint sich darin etwas zu verlieren. Es fehlt die Konzentration auf einige Sympathieträger, die den Zuschauer durch das zu ihnen aufgebaute emotionale Verhältnis den Untergang des Schiffes intensiver erleben lassen. Einige Figuren lernt man im Verlauf der Handlung zwar zu verachten, aber ein Gegenstück zu diesen sucht man vergebens.
Hier wäre es wünschenswert gewesen, die Handlung entweder auf einen kleineren Kreis von Figuren zu konzentrieren oder dem Film eine Spielzeit zuzugestehen, die ausgereicht hätte, den Charakteren mehr emotionale Tiefe zu geben. Aber vielleicht ist diese Forderung auch zu sehr aus den Ansprüchen einer neutralen Dramaturgie heraus gedacht. In einem Propagandafilm, der mitten in einem tobenden Krieg gezeigt werden sollte, ist es wahrscheinlich nicht unbedingt erwünscht, die Zuschauer in einem allzu großen Jammer zurückzulassen (dazu gleich mehr).
Dennoch hatte das Drehbuch durchaus Potential. Dies wird schon allein daraus deutlich, dass Cameron 1997 viele Motive aus dem Vorgänger von 1943 wieder aufgenommen hat. Die Zeichnung der Unterschiede zwischen den Passagieren der ersten und der dritten Klasse samt ihrer anders gearteten Freizeitvergnügen, der Diebstahl eines wertvollen Edelsteins, der Gefangene in der sich langsam mit Wasser füllenden Zelle, seine heldenhafte Befreiung durch einen Freund, all das und auch noch einiges mehr hat sich der Erfolgsregisseur aus diesem von seiner Entstehungsgeschichte her doch recht anrüchigem Film entliehen. Ein erstaunlicher Befund, zumal dadurch einiges der antibritischen Stimmung der Vorlage in den Megaerfolg der 90er hinübertransportiert wird.
Der hier besprochene "Titanic" wurde indes nicht der Propagandafilm, als der er eigentlich gedacht war. Die Verantwortlichen im Ministerium befürchteten, dass der Untergang des riesigen Schiffes als böses Omen für das Schicksal des Reiches gedeutet werden könnte. Man erachtete das Szenario wohl als zu düster für ein Volk, dem man mit Durchhalteparolen und geklitterten Nachrichten den Glauben an einen glücklichen Ausgang des Krieges aufdrängen wollte. So kam der Film erst im Jahre 1950 in die deutschen Kinos. In den westlichen Besatzungszonen wurde er jedoch wegen seiner propagandistischen Tendenzen alsbald wieder verboten. In der russischen Zone blieb er hingegen in den Kinos. Die antikapitalistische Stoßrichtung gefiel den kommunistischen Machthabern - eine Ironie der Geschichte, die ein schönes Beispiel dafür liefert, dass Propaganda in totalitären Systemen, auch wenn sie in ihren politischen Richtung eigentlich diametral zu sein scheinen, zum Teil offenbar beliebig austauschbar ist.
allgemein historisch betrachtet: plumpe Propaganda
lediglich filmhistorisch betrachtet: solider Katastrophenfilm
Gruß
Gezora
Wir haben es bisher in unserer Epoche auf allen Gebieten zu unglaublichen Höchstleistungen gebracht, nur nicht in der Kriminalität.