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Rezension: Gruselkabinett - 124 & 125 - Der Krieg der Welten

Verfasst: Mo 28.08.2017, 18:14
von MonsterAsyl
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Gruselkabinett - 124 & 125 - Der Krieg der Welten

Zum Inhalt:
Im Jahre 1897 beobachten der Astronom Ogilvy und sein Freund Julian eines Abends im Observatorium von Ottershaw mehrere Objekte, die vom Mars in Richtung Erde fliegen. Während die meisten Wissenschaftler dabei von Meteoriten ausgehen, befürchtet Ogilvy, daß es sich um Besucher aus dem All handeln könnte. Nachdem der erste vermeintliche Meteorit in Horsell-Heide aufgeschlagen ist, stellt sich schnell heraus, wie recht der Astronom mit seiner Vorahnung hatte, da es sich bei den vermeintlichen Meteoriten tatsächlich um bemannte Flugobjekte handelt. Noch bevor Mr. Ogilvy und Julian die Geschehnisse richtig einordnen können, gehen die Fremden schon zum Angriff über, und der Krieg der Welten setzt ein.

Zur Produktion:
"The War of the Worlds", so der englische Originaltitel des hier zugrundeliegenden Romans, erschien erstmals 1897 als Fortsetzungsgeschichte zeitgleich in der britischen Zeitschrift "Pearson's Magazine" und dem amerikanischen Periodikum "Cosmopolitan". Die erste Buchfassung folgte nur ein Jahr später, herausgegeben von William Heinemann in London. Für das Label Titania ist dies, nach Gruselkabinett 120 & 121 - Der Unsichtbare, 122 - Die Insel des Dr. Moreau und 123 - Die Zeitmaschine, die bereits vierte Hörspieladaption, welche auf einem Werk von Herbert George Wells(21.09.1866-13.08.1946) basiert.
Da sich Hörspielskriptautor Marc Gruppe der literarischen Vorlage verpflichtet fühlt, ist es stets sein Bestreben, möglichst nah am ursprünglichen Werk zu bleiben. So behält er die von Wells gewählte "Ich-Erzählperspektive" bei, was einerseits zur Identifikation des Hörers mit dem Protagonisten beiträgt, andererseits die Schrecken des Geschehens intensiviert. Um das Ganze noch persönlicher zu gestalten und damit gleichzeitig auch die Dialoge etwas natürlicher wirken zu lassen, hat Marc Gruppe den bei Wells namenlosen Hauptcharakter und dessen Frau mit Vornamen ("Julian" & "Margret") versehen.
Die Eröffnung des Hörspiels folgt zunächst exakt dem Roman, wobei Gruppe die gelegentlich eingestreuten "wissenschaftlichen Fakten" weglässt. Das spielt aber weiter keine Rolle, da diese Erläuterungen zum einen teilweise veraltet und zum anderen nicht von Relevanz für die Handlung sind. Danach weicht Gruppe allerdings immer wieder von Wells' Roman ab. Da wäre zunächst die Rolle der "Margret" zu nennen. Während sie bei Wells nur eine Nebenfigur ist, die mehr oder weniger als Motivationsgrundlage für den Protagonisten dient, ist ihre Figur im Hörspiel wesentlich prägnanter.
Auf diese Weise kann eine emotionalere Verbindung des Hörers zu ihr entstehen, und es sind so auch weniger Sprecher nötig, indem man "Margret" Texte sagen lässt, die im Buch von anderen kommen. Da es sich bei denen allesamt um Randfiguren handelt, finde ich Gruppes "Kniff" durchaus vertretbar. Natürlich hat er auch diesmal, um einen flüssigeren Ablauf zu gewährleisten, etliche Monologe in Dialoge gewandelt und kleinere verbale Abweichungen vorgenommen. So werden aus 30 Yards 30 Meter und aus dem ursprünglichen "1 Millionen zu 1" ist ein "nicht sehr wahrscheinlich" geworden.
Diese kleinen Änderungen fallen aber nicht weiter ins Gewicht, doch es gibt andere Aspekte, mit denen ich schon eher meine Probleme habe. Während bei Wells doch einige Zeit vergeht, bis die Invasion beginnt, kommt man hier sehr schnell zur Sache, und ein Angriff folgt dem nächsten. Das liegt vor allem an den diversen Kürzungen, die Gruppe vorgenommen hat. So fehlen praktisch alle Szenen, welche die Ereignisse rund um "Julians" Bruder beinhalten, und auch die mit dem Hilfsprediger wurden reduziert und relativiert, der größte Teil seiner Litaneien und Ansichten über die Marsianer gestrichen. Daher ist es nur folgerichtig, daß der Priester hier auch nicht vom Hauptdarsteller erschlagen, sondern ein Opfer der Marsbewohner wird. Interessanterweise gibt es aber einen zusätzlichen bzw. erweiterten Dialog, in dem Gruppe explizit einfließen lässt, daß es sich bei dieser Geschichte um eine Parabel bezüglich des Kolonialverhaltens der Briten handelt. Mir persönlich hat die Umgestaltung nicht sehr gefallen, zumal auch die Folgeszene, in der es zur ersten und einzigen direkten Konfrontation mit einem Marsbewohner kommt, ebenfalls weggefallen ist. Für mich sind das zwei verpasste Gelegenheiten, etwas Grusel mit einzubringen. Leicht irritierend finde ich die öfters vorkommenden wortwörtlichen Wiederholungen. Bei dem geistig verwirrten Prediger verstehe ich das ja noch als Kunstgriff, um seinen sich steigernden Wahnsinn zu unterstreichen, aber bei "Julian" empfand ich es als eher störend. Sehr gelungen ist hingegen der von Marc Gruppe neu eingebrachte Vergleich mit der alles bedeckenden schwarzen Asche und Pompeji, was sofort für eine entsprechende Assoziation beim Hörer sorgt.
Insgesamt gesehen bekommt man hier eine flüssige, bis zum Schluss spannende Geschichte (inklusive zusätzlichem Abschlussmonolog), die allerdings gestraffter ausfällt, als eigentlich nötig gewesen wäre. Denn um der literarischen Vorlage genügend Sorge zu tragen, hat man sich immerhin dazu entschlossen, das Werk auf zwei CDs zu veröffentlichen. Entsprechend wäre durchaus noch Platz für mehr Hörstoff gewesen, da die erste Disc rund 60 Minuten und die zweite sogar nur ca. 47 Minuten Spielzeit aufweist. Natürlich werden durch die vorgenommenen Streichungen mögliche Längen gekonnt vermieden, aber andererseits fehlt so auch einges vom ursprünglichen Text. Für einen Vergleich empfehle ich die Lektüre des Buches, welches im Internet in Englisch unter https://en.wikisource.org/wiki/The_War_of_the_Worlds zu finden ist.
In punkto Regie und Produktion durch Stephan Bosenius und Marc Gruppe gibt es für mich nichts zu beanstanden. Die Geräuschkulisse ist wie gewohnt mehr als opulent gestaltet, und jede Szene wird mit einer Vielzahl unterschiedlichster Töne zum Leben erweckt. Da krächzen die Krähen über weitem Feld, die Büsche rascheln im Vorbeigehen, und wenn das Gewitter beginnt, sieht man sich beim einsetzenden Regen unwillkürlich nach Schutz um. Besonders witzig finde ich den diesmal sehr früh eingespielten und für das Label schon fast typischen Käuzchenruf. Da fühlte ich mich unwillkürlich an die Auftritte von Hitchcock in seinen Filmen erinnert. Zu Beginn seiner Karriere kamen diese immer mittendrin oder sogar erst am Schluß, aber als man merkte, daß die Zuschauer regelrecht darauf warteten, ihn zu entdecken, beschloss man, sie immer an den Anfang zu verlegen.
Highlights sind natürlich die Geräusche, welche mit den Marsianern zusammenhängen. Der sirrende und todbringende Hitzestrahl ist genauso gekonnt kreiert worden, wie die stampfenden "Dreifüßler", die das Geschirr zum Klirren bringen. Die Effekte werden dezent eingesetzt und auch wenn sie nur kurz zu hören ist, hat mich die "Unterwassersequenz" am meisten beeindruckt. Auch die musikalische Untermalung fand ich gut. Die meisten Stücke klingen wie von einem Ensemble eingespielt, und ruhige Melodien wechseln sich mit dramatischen Weisen ab, je nachdem, was gerade geschieht. Daß hauptsächlich Blas- und Streichinstrumente zum Einsatz kommen, ist ein geschickter Schachzug, da man so auch musikalisch in der Zeit des Geschehens bleibt.

Zu den Sprechern:
Die heiser klingende Stimme von Georg Tryphon(Mr. Ogilvy) passt perfekt zu dem älteren Astronom, der ahnt, daß der Besuch der Marsbewohner nicht friedlich ablaufen wird. Den Großteil des Hörspiels bestreitet aber Hauptdarsteller und Erzähler Bruno Winzen(Julian) als Freund von Ogilvy. Bereits den Eröffnungstext trägt er mit größter Eindringlichkeit vor und akzentuiert so den weiteren Handlungsverlauf. Es ist schon beeindruckend, seiner Wandlung vom fröhlichen, zunächst noch begeisterten Beobachter, hin zum von den Ereignissen erschütterten Mann zu folgen. Faszinierenderweise gelingt es ihm, so zu klingen, als würde seine Stimme im Zuge der grauenvollen Erlebnisse altern. Ebenfalls gefallen hat mir Kathryn McMenemy(Margret) als seine stets um ihn besorgte Ehefrau. Ihre anfängliche Neugier schlägt schnell in Angst und Panik um, und es ist geradezu herzzerreißend, wenn sie vor lauter Stress anfängt zu schluchzen. Normalerweise treten Joachim Tennstedt und Detlef Bierstedt bei Titania als Ermittlerduo Sherlock Holmes und Dr. Watson auf, aber hier bekommt man sie einmal kurz in ganz anderen Rollen zu hören. Joachim Tennstedt(Verwirrter Mann) ist genauso überzeugend in seinem Part des kaum noch zur Artikulation fähigen, von Panik erfüllten Mannes, dessen brabbelnde Stimme sich fast überschlägt, wie sein "Kollege" Detlef Bierstedt(Soldat) der seinen Text drängend und in abgehackt wirkenden Sätzen spricht. Thomas Balou Martin(Artillerist) spielt den erschöpften, schockierten Soldaten, der trotz aller Widerstände fest entschlossen ist, weiter gegen die Invasoren zu kämpfen. Lutz Reichert(Lieutenant) hat einen kurzen Auftritt als ungläubiger, überheblicher Offizier, der den Bericht der Soldaten ins Lächerliche zieht. Tom Raczko(Hilfsprediger) gelingt eine intensive Darstellung des verzweifelten jungen Geistlichen, der mit sich selbst hadert, bis ihn sein Verstand endgültig verlässt und er nur noch religöse Phrasen ausstößt. In einer kleinen Doppelrolle tritt noch Sascha von Zambelly (Flüchtender/Cousin) als schreiender Flüchtling bzw. als leicht genervter Verwandter auf. Marc Gruppe(Flüchtender) ist ebenfalls als Mensch in der Menge zu hören.

Fazit:
Eine fesselnde Hörspieladaption, die allerdings einige Kürzungen und Änderungen aufweist.

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