
Gruselkabinett - 197 - Das Grauen von Dunwich
Zum Inhalt:
In dem abgelegenen Ort Dunwich in Massachusetts geschehen merkwürdige Dinge. Lavinia Whateley bringt ein Kind zur Welt, von dem niemand weiß, wer sein Vater sein könnte. Der neugeborene, abstoßend aussehende Sohn Wilbur reift unnormal schnell heran. Als dann noch Lavinias Vater mit einem mehr als merkwürdigen Bauprojekt beginnt, sind die Dorfbewohner zunächst nur überrascht, müssen aber bald erkennen, daß ihnen allen eine bisher unvorstellbare Gefahr droht...
Zur Produktion:
Bereits zum 17. Mal adaptiert das Hörspiellabel Titania hier eine Geschichte aus der Feder des Meisters des Grauens H.P. Lovecraft (20.08.1890 - 15.03.1937). Geschrieben wurde "The Dunwich Horror", so der englischsprachige Originaltitel, bereits 1928 und landete ein Jahr später in der Aprilausgabe des amerikanischen Magazins "Weird Tales". Bis zur deutschen Erstveröffentlichung vergingen beinahe 40 Jahre, und es war der Heyneverlag, welcher die Erzählung 1965 in dem Kurzgeschichten-Band "12 Grusel-Stories" herausbrachte. Selbstverständlich wurde der Stoff auch verfilmt. So erschien 1970 ein gleichnamiger US-Film, der bei uns allerdings den eher nichtssagenden Titel "Voodoo Child" erhielt. Es folgten noch weitere mehr oder weniger gelungene visuelle Adaptionen, von denen besonders die japanische "Claymation"-Version der Firma Toei heraussticht. Auch akustisch hat man sich der Geschichte bereits 1945, im Rahmen der amerikanischen Radiohörspielreihe "Suspense", angenommen. Auf Deutsch gibt es meines Wissens nach bisher vier kommerzielle Hörspiele renommierter Labels, deren unterschiedliche Versionen in den vergangenen Jahren erschienen sind.
Umso erfreulicher ist es für mich, daß sich nun auch endlich die "Gruselkabinett-Meister" von Titania mit der Geschichte beschäftigt haben. In einem Interview sagte Skriptautor Marc Gruppe einmal, daß gerade Lovecrafts Werk die größte Herausforderung für ihn darstellen würde. Wer die Erzählungen gelesen hat, wird dies gut nachvollziehen können. Lovecrafts Horror manifestiert sind ja gerade in dem, was nicht ausgesprochen, sondern nur angedeutet wird. Selbst bei seinen Beschreibungen der Cthulhu-Wesen bleibt er bewusst vage. Dementsprechend schwierig ist es, dieses leise latente Grauen, welches nur im Kopf entsteht, hörbar zu machen. Obwohl die Titania-Version bereits fast 90 Minuten umfasst, sah sich Gruppe dennoch gezwungen, Reduzierungen gegenüber dem Original vorzunehmen. So wurde z.B. gleich das Intro zusammengestrichen, im weiteren Verlauf der eine oder andere Zwischensatz gekürzt und die Handlung generell etwas gestrafft. Trotzdem bleibt der Autor dicht, aber eben nicht sklavisch, an der literarischen Vorlage. Beispielsweise ist bei ihm nicht mehr von einem "black brat", also einer "schwarzen Göre", die Rede. Ein durchaus auslassungswürdiges Detail, welches dem bedauerlicherweise latent vorhandenen Rassismus Lovecrafts geschuldet ist. Ansonsten gibt es nur sehr wenige kurze neue Sätze, und die "Erklärung" bzw. das Ende wurde ein wenig abgewandelt. Was mich überrascht hat, ist, daß Gruppe auch den bei Lovecraft vorhandenen Verweis auf den "großen Gott Pan" weggelassen hat, denn schließlich hat Titania diese Geschichte ja bereits als "Gruselkabinett - 144 - Der gewaltige Gott Pan" vertont. Um es direkt vorwegzunehmen: Ich finde diese Adaption ziemlich genial. Gruppe lässt gleich mehrere Erzähler zu Wort kommen. Außer Dr. Armitage und Professor Rice, gibt es nämlich noch eine Gruppe von Dorfbewohnerinnen, die sich über die Ereignisse unterhält und dem Hörer durch ihren "Tratsch" auf unterhaltsame Weise diverse relevante Informationen vermittelt. Ich hatte mich vorher gewundert, weshalb in der Besetzungsliste so viele weibliche Rollen aufgeführt waren, denn schließlich kommen Frauen in Lovecrafts Universum kaum vor. Sie so einzusetzen, macht dann aber wieder Sinn. Außerdem wurde aus der Reporterfigur ebenfalls eine Frau, was ich persönlich etwas unpassend bzw. unglaubhaft finde, auch weil es zu dieser Zeit noch so gut wie keine Journalistinnen gab. Davon mal abgesehen, habe ich keinerlei inhaltliche Kritik anzubringen.
Es ist schon ungewöhnlich und beeindruckend, wie es Stephan Bosenius und Marc Gruppe, die beiden Regisseuren und Produzenten, schaffen, ihre Fans hier nicht nur von Anfang an regelrecht in die Handlung hineinzuziehen, sondern die unheimliche, immer bedrohlicher werdende Grundstimmung bis zum Ende aufrechtzuhalten. Unterstützt wird diese sehr gekonnt von der musikalischen Untermalung. Dabei kommen Geige, Harfe, Gitarre und Synthesizer zum Einsatz, um nur einige Instrumente zu nennen. Basslastige, dumpfe, pulsierende Töne wechseln sich mit wabernden Synthesizersounds ab, und diverse Melodien unterstreichen ebenfalls das Geschehen. So gibt es eine klagende Geigenmelodie, eine harmonische Harfenweise, ein wohlklingendes Gitarrenstück und diverse Streicherkompositionen, die aus Filmsoundtracks stammen könnten. Am beeindruckendsten finde ich persönlich aber die Töne, die wirken, als würde sehr langsam eine Trommel geschlagen, da diese mich an ein klopfendes Herz erinnern. Genauso abwechslungsreich wie die Musik, sind auch die Geräusche gehalten. Zu Beginn hört man "monströse" Töne, panische Schreie und herabrieselndes Geröll. Draußen kommen Frösche, Zikaden, zwitschernde Vögel, blökende Rinder und heulende bzw. bellende Hunde zu Gehör. Der Szenerie jeweils angepasst, rauscht oder heult der Wind, die Türen und das Bett knarren unterschiedlich, und ab und an sind seltsame rumpelnde Geräusche, gepaart mit losem Geröll, zu hören. Natürlich wurden auch die kleinen Töne nicht vergessen, und so gibt es eine Ladenglocke, in der Ferne eine Kirchenglocke, der Kaffee wird hörbar in die Tassen gegossen, ein Gewehr durchgeladen und eine alte Telephonwählscheibe betätigt. Gruseliges Highlight waren für mich erstaunlicherweise nicht die "Monstersounds", sondern ein wie verrückt blökendes und schreiendes Tier. Der einzige Soundeffekt, den ich bewusst wahrgenommen habe, bestand aus einem mit Hall unterlegten Todesschrei.
Zu den Sprechern:
Die raue Stimme von Thomas Balou Martin(Dr. Armitage) passt hervorragend sowohl zu seiner Rolle des älteren Bibliothekars, als auch zu der des Erzählers. Martin liefert eine ruhige, aber pointierte Darstellung, und die von ihm vorgebrachten Emotionen sind immer auf den Punkt. Gleiches gilt für Bert Stevens(Prof. Rice), der seine beiden Parts als zweiter Erzähler und Professor mit heiserere Stimme spricht. Peter Lontzek(Dr. Morgan) hat einen eher kleinen Auftritt als Mediziner, der zwar gegen seine Übelkeit ankämpfen muss, aber entschlossen ist, die Sache durchzuziehen. Axel Lutters(Der alte Whateley) Performance als von vorneherein leicht wahnsinnig wirkender, tyrannischer älterer Mann, gehört für mich zu den besten Darbietungen in diesem Hörspiel. Seine streng klingende Stimme, gepaart mit durchdringendem triumphierendem Gelächter, sorgen für stete Gänsehaut. Ebenso beeinruckend agiert auch Marie Bierstedt(Lavinia Whateley) als gefügige Tochter und ihrem Sohn gegenüber geradezu unterwürfige Mutter. Allein für die ultrarealistisch gespielte Geburtsszene sollte sie einen "Hörspiel-Oskar" bekommen. Am besten gefallen hat mir allerdings Julian Tennstedt(Wilbur Whateley) als der langsam sprechende, grausam lachenden Halbwüchsige. Auch er wirkt, als wäre etwas in seinem Kopf erschreckend durcheinandergeraten, und seine drohende, harsche Art sorgt dafür, daß man als Hörer unwillkürlich emotional zurückweicht, sobald er die Szene betritt. Alexandra Lange(Mamie Bishop), Regina Lemnitz(Mrs. Osborne), Philine Peters-Arnolds(Mrs. Corey) und Kristine Walther(Sally Sawyer) machen ihr Sache als "Klatschweiber", die sich vor allem über die seltsame Familie Whateley kräftig auslassen, einfach großartig. Fairerweise muss ich aber Alexandra Lange etwas hervorheben, da sie von den vieren den meisten Text und damit die facettenreichste Rolle hat. Auch wenn sie nur eine verhältnismäßig kurze Darbietung gibt, gelingt es Sigrid Burkholder(Selina Frye) durch ihr eindrucksvolles Spiel als verängstigte Frau, die nur noch schreien kann, dem Hörer im Gedächtnis zu bleiben. Christoph Jablonka(Earl Sawyer) überzeugt als von Ekel aufgewühlter Mann, der ebenfalls gern tratscht und den die Ereignisse schließlich bis in den Wahnsinn treiben, Claus Thull-Emden(Zeb Whateley) spricht einen zustimmenden Dorfbewohner von etwas einfachem Gemüt, und Sascha von Zambelly(Sam Hutchins) fällt vor allem durch die Eindringlichkeit auf, mit der er seinen Charakter agieren lässt. Uschi Hugo(Sarah Dale) intoniert die freundliche, engagierte Journalistin mit weicher Stimme, während Bodo Primus(Reverend Hoadley) seinen Predigttext so intensiv vorträgt, daß man meint, tatsächlich einem Priester zu lauschen. In weiteren Nebenrollen treten noch Bene Gutjan(Dr. Houghton) als besorgter junger Arzt, Marc Gruppe(Luther Brown) als derber Knecht, Lutz Reichert(Zechariah Whateley) und Marlene Bosenius(Säugling) als der neugeborene Wilbur auf.
Fazit:
Eine im wahrsten Sinne des Wortes phantastische Hörspieladaption der weltberühmten Horrorgeschichte.
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