Rezension: Sherlock Holmes - 71 - Blaubarts Erbe

Sherlock Holmes, Jerry Cotton - Kommissare und Detektive ermitteln Psychopaten im Ohr.
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MonsterAsyl
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Rezension: Sherlock Holmes - 71 - Blaubarts Erbe

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Sherlock Holmes - 71 - Blaubarts Erbe

Zum Inhalt:
In der Bakerstreet trifft ein übelriechender gelber Koffer ein und ruft bei Mrs. Hudson Entrüstung hervor. Denn sie geht wegen des widerwärtigen Geruchs davon aus, daß er Holmes gehören muss. Als sie den Koffer schließlich gemeinsam öffnen, stellen sie fest, daß sich darin lauter blutgetränkte Frauenkleider befinden. Außerdem ist noch ein kurzer Brief beigelegt, in dem die schottische Lady Olivia Dungrave den Meisterdetektiv um sofortige Hilfe bittet. Selbstverständlich macht sich Sherlock Holmes, in Begleitung seines Freundes und Chronisten Dr. Watson, am nächsten Tag zu ihr auf den Weg...

Zur Produktion:
Wie schon bei den Folgen 63 bis 66, ist die literarische Vorlage auch hier ein Heftroman der Reihe "Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs". Diesmal handelt es sich um Band 197, erschienen irgendwann zwischen 1909 und 1911, welcher den selben Namen wie das Hörspiel trägt. Wie üblich wird als Autor lediglich das Sammel-Pseudonym "Amy Onn" (ein Anagramm zu "anonym") angegeben. Da mir der Heftroman nicht vorliegt, kann ich leider auch keinen Vergleich zwischen der Vorlage und dem Hörspielskript von Marc Gruppe ziehen. Ich schätze allerdings, daß sich der Begriff "Schweinkram" oder der Ausspruch: "Geht es? Es muss!" so nicht in der Bezugsquelle finden lassen. Kommen wir zur eigentlichen Geschichte. Zum Auftakt lässt sich Gruppe etwas Zeit und beginnt die Handlung mit einer kleinen Kabbelei zwischen Mrs. Hudson und dem Meisterdetektiv, in die sich der arme Dr. Watson genötigt fühlt, schlichtend einzugreifen. Nachdem das Geheimnis um den Kofferinhalt gelüftet wurde, machen sich die beiden Freunde auf den Weg nach Schottland. Dort angekommen, geben sie sich dem Lord gegenüber als "Maler mit Assistent" aus, um das Anwesen der Dungraves ungestört durchsuchen zu können. Praktischerweise hat es die Dame des Hauses geschafft, den Schlüsselbund ihres Mannes nachzumachen, so daß dem auch keine verschlossene Tür im Wege steht. Weiter will ich auf den Inhalt nun nicht eingehen, doch wer "Gruselkabinett 190 - Schauermärchen 1" gehört hat, der weiß im Großen und Ganzen, wie die Geschichte verläuft. Genau das ist auch ein wenig das Problem des Hörspiels, denn die Grundthematik folgt dem Märchenstoff, und bedauerlicherweise hat es wohl schon "Amy Onn" versäumt, einen neuen, originellen Twist einzubauen, der den Hörer noch überraschen könnte. Daß man trotzdem gern bis zum Ende der ca. 88 Minuten dranbleibt, ist einzig und allein dem Talent des Skriptautors und der hervorragenden Produktion und Regie von Stephan Bosenius und Marc Gruppe zu verdanken.
Für die Musik greifen beide vor allem auf zeitgenössische Instrumente wie Geige, Klavier, Flöten, Oboe, Trommeln, Harfe und Dudelsack zurück. Nach der ikonischen Titelmelodie folgt eine leicht aufgeregt wirkende Weise, bei der Streicher dominieren. Anschließend ertönt die ebenfalls aus anderen Folgen bekannte fröhliche Zwischenmusik, welche hauptsächlich von Flöten getragen wird. Die Ankunft im örtlichen Pub ist mit einer düsteren Melodie unterlegt, und als man auf dem Landsitz der Dungraves ankommt, klingt die Musik so, wie man sie sich in Schottland vorstellt. Entsprechend kommt auch ein Dudelsackstück vor, welches interessanterweise in eine harmonische Melodie übergeht. Es gibt ein melancholisch wirkendes Klavierstück, und der Synthesizer liefert langgezogene, düster wabernde Sounds. Selbiger diente wohl ebenfalls zur Erschaffung der "Schreie" und anderer seltsamer Töne. Bei einem Stück wurden Dudelsack und Synthesizer gemischt, was ich ziemlich ungewöhnlich finde, aber am besten gefallen hat mir persönlich die Abschlußmelodie, welche wie die Endmelodie einer TV-Serie wirkt. Die Anzahl der eingebauten Geräusche und Töne ist hier so groß, daß es unmöglich ist, sie alle aufzuzählen. Dementsprechend beschränke ich mich auf ausgewählte Szenen und deren akustische Untermalung. In der Bakerstreet raschelt Watson mit der Zeitung, Holmes entzündet ein Streichholz, das Kaminfeuer prasselt leise, die Kofferschlösser klappen auf, und der Umschlag und das Briefpapier knistern entsprechend. Der Zug rattert auf den Schienen, im Abteil ist das dezente "klackklack" zu hören, und auch die klassische Zugpfeife fehlt nicht. In der Umgebung des Anwesens krächzen Raben, keckern Elstern, raschelt der Wind in den Baumkronen, und gelegentlich zwitschern auch Singvögel. Jede Tür in diesem Hörspiel knirscht und knarrt nach ihrem Typ unterschiedlich, und auf dem See quietschen die Ruder des Bootes. Das Aufschlagen des Seils auf dem Wasser ist genauso deutlich zu vernehmen, wie das Platschen beim Aussteigen. Akustische Highlights sind für mich der quietschende Handkarren und die tropfenden Gewölbedecken innerhalb des Mausoleums. Für die Effekte greift man, neben einem Dumpf-Filter, um darzustellen, daß Mrs. Hudson hinter verschlossener Tür redet, mehrmals auf Hall zurück. Zum einen, um so die unterschiedliche Größe von Lokalitäten wie dem Esssaal, dem Mausoleum oder dem Turmzimmer zu verdeutlichen, und zum anderen, um hervorzuheben, daß es sich bei dem, was man hört, um Ereignisse in der Vergangenheit handelt.

Zu den Sprechern:
Joachim Tennstedts(Sherlock Holmes) Darstellung des Meisterdetektivs ist hier noch beeindruckender als sonst. Als er den Maler gibt, hat er seine Stimme derart gut verstellt, daß man wirklich glauben könnte, es handele sich um eine andere Person, würde er nicht gleichzeitig seine Betonung bzw. seinen Sprachstil beibehalten. Als er dann gegen Ende mit normaler Stimme das psychologische Motiv für die Morde erläutert, klingt das so überzeugend, daß man gar nicht anders kann, als das Gehörte zu glauben. Da er nicht nur das Intro spricht, sondern auch als Erzähler fungiert und natürlich seine Figur spielt, hat der großartige Detlef Bierstedt(Dr. Watson) den Löwenanteil am Gesamttext. In allen drei Funktionen ist es ein absolutes Vergnügen, ihm zuzuhören. Es macht einfach Spaß, wenn er wieder einmal, trotz aller Bemühungen, von Holmes nur belächelt wird. Bei Regina Lemnitz(Mrs. Hudson) fragt man sich als Hörer manchmal, warum sie Holmes überhaupt weiter als Mieter duldet. Ständig teilt sie Spitzen gegen ihn aus, ist abwechselnd wütend oder entrüstet, was dadurch noch unterstrichen wird, daß sie, im Gegenzug, freundlich und zuvorkommen gegenüber Dr. Watson agiert. Christoph Jablonka(Lord Dungrave) ist klasse als der höfliche, zuvorkommende, dennoch zwielichtige Gastgeber, der seine Gäste mit rauer Stimme vor den Gefahren des Sees warnt und dessen gute Laune auf den Hörer bedrohlicher wirkt, als die Szenen, in denen er verärgert ist. Die angenehme, weiche Stimme von Marie Bierstedt(Lady Dungrave) passt hervorragend zu ihrer Rolle als freundliche, aber hochgradig angespannte Auftraggeberin, die ihren Bericht mit einem leicht weinerlichen Ton unterlegt. Lutz Mackensy(MacGregor) spielt den distinguierten, leicht affektiert wirkenden Diener genauso souverän, wie Axel Lutter(Mr. Oaks) den verschlagenenen Händler, der in jeder Situation gelassen bleibt. Bert Stevens(Wirt) intoniert den freundlichen Kneipier mit knarriger Stimme, Stephan Bosenius(Kutscher) gibt den Pferden die passenden Kommandos, und Peter Lontzek(Inspektor MacLeod) spricht die Figur des befehlsgewohnten, dienstbeflissenen Polizeibeamten. In weiteren Minirollen sind noch Stephan Bosenius(Constable) und Marc Gruppe(Constable) als zustimmende Ordnungshüter zu hören.

Fazit:
Für diejenigen, welche das Märchen vom "Blaubart" nicht kennen, ein überaus spannender Fall, für alle anderen trotzdem ein unterhaltsames Hörspiel, das wie ein akustischer Spielfilm wirkt.

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